„Die Menschen wollen starke Dörfer“
Laden-Berater aus Bayern setzt auf bürgerschaftliches Engagement

Kiel MT 14.08.12 - MarktTreff ist ein erfolgreiches Modell für die Grundversorgung in ländlichen Gemeinden Schleswig-Holsteins. Die Versorgung steht jedoch auch in anderen Regionen der Bundesrepublik vor großen Herausforderungen. Welche Initiativen gibt es dazu in anderen Bundesländern? Was sind die Erfolgsfaktoren? Wie sind die Erfahrungen mit Bürgergemeinschaften? Antworten hierzu gibt im Interview Wolfgang Gröll, Berater für Nachbarschafts- und Dorfläden aus Bayern.

Frage: Herr Gröll, Sie beraten seit 20 Jahren in allen Fragen der Planung und des Betriebs von Dorf- und Nachbarschaftsläden. Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Erfolgsfaktoren?
Gröll: Aus meiner langjährigen Erfahrung sehe ich drei wesentliche Punkte: Dorfläden sollten einen starken Bezug zur Region haben, insbesondere im Wareneinkauf. Ich kenne erfolgreiche Läden, die bis zu 75 Prozent ihres Umsatzes mit regionalen Produkten realisieren. Wenn ich über regionale Produkte spreche, so meine ich in erster Linie Produkte von regionalen kleinen und kleinsten Erzeugern und Produzenten.
Des Weiteren sind das bürgerschaftliche Engagement und die Beteiligung ganz wichtig. Das geht in einzelnen Projekten soweit, dass die Bürger bis zu 100 Prozent des notwendigen Eigenkapitals für den Laden in Form von Einlagen zur Verfügung stellen.
Und eine weitere tragende Erfolgssäule ist die Auswahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Hier erweist sich oftmals das Modell des Bürgerladens als sehr vorteilhaft. Denn bei dieser Konstellation lassen sich Fehlgriffe in der Auswahl der Dorfladenleitung schnell und unbürokratisch korrigieren.

 

Frage: Eine Reihe von Dorfläden - insbesondere in Bayern - hat sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen und nutzt ein funktionsfähiges Qualitätsmanagementsystem (QM). Was bietet das System, wie sind Ihre Erfahrungen?

Gröll: Wir haben alle Prozesse der Dorfläden in einem QM-Handbuch erfasst. So können wir mit dem QM-System alltägliche Abläufe einfach optimieren, um mehr Zeit für Kundengespräche, Beratung und die Warenpräsentation zu erhalten. Auf dieser Basis erreichen Dorfläden dann Handelsspannen, die weit über dem Durchschnitt liegen - in Einzelfällen mehr als 30 Prozent. Ein weiterer Vorteil: Ein gut funktionierendes Qualitätsmanagementsystem ist Grundvoraussetzung, um einen Dorfladen ausschließlich mit Teilzeit- und Aushilfskräften führen zu können.

 

Frage: Einige der Dorfläden werden von Bürgergemeinschaften geführt. Wie sind dabei die Zuständigkeiten geregelt, gibt es noch einen eigenständigen Kaufmann?
Gröll: Das Modell der Bürgergemeinschaften schließt den eigenständigen Kaufmann nicht aus. So ist es uns schon mehrfach gelungen, den eigenständigen Kaufmann finanziell über die Bürgergemeinschaft zu unterstützen. Das erleichtert zum Beispiel Gespräche mit Banken sehr stark. Außerdem kann mit dem Einsatz des Förderprogramms „Kapital für Gründung" oftmals eine sehr hohe Quote der Finanzierung mit Haftkapital erreicht werden.
Schauen Sie, die grundsätzliche Organisationsform bei Bürgergemeinschaften setzt sich wie folgt zusammen: Die Bürger wählen den Aufsichtsrat, der wiederum den Geschäftsführer bestellt. Falls gewollt, können die Bürger zusätzlich über einen Kundenrat mit rein beratender Funktion ohne Entscheidungsbefugnis vertreten werden.
Eine weitere Möglichkeit ist, sich über eine Gesellschaft beim selbstständigen Kaufmann zu beteiligen. Hier erhält oder bewahrt der selbstständige Kaufmann seine vollständige Souveränität.
Wir haben in diesen Fragen der Beteiligung langjährige Erfahrungen, unsere Vertragswerke sind juristisch einwandfrei und sogar mit der BaFin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, abgestimmt.

Frage: Welche Vorteile und Erträge haben denn Bürgerinnen und Bürger, wenn sie an einer Gemeinschaft Anteile zeichnen?
Gröll: Sie kennen das aus Schleswig-Holstein: Zuerst einmal ist eine funktionierende Nahversorgung ein wichtiges Argument für ein attraktives Dorf - das geht bis zu stabilen Immobilienpreisen. Ganz konkret erhält derjenige, der zum Beispiel für 300 Euro Anteile zeichnet, eine Verzinsung von drei bis fünf Prozent. Das wird nicht in bar ausgezahlt, sondern in Form von Warengutscheinen. Fairerweise sollte man erwähnen, dass wir von rund drei Jahren Anlaufphase ausgehen, bis eine schwarze Null geschrieben wird.

 

Frage: Der Bundestag berät aktuell über die Vereinfachung von „Kleinen Genossenschaften". Ist das eine sinnvolle Trägerschaft für Dorfläden?
Gröll: Grundsätzlich sage ich ja. Aber mit der eben beschriebenen Bürgergemeinschaft erfüllen wir heute schon die Voraussetzungen der zukünftigen Kleinen Genossenschaft. Also, wir warten nicht darauf. Gerade nach der Schlecker-Pleite erhalten wir viele Anfragen von Gemeinden, die in Form von Bürgergemeinschaften die Läden zur Nahversorgung weiterführen wollen.

Frage: Wie schätzen Sie generell in den kommenden Jahren die Entwicklung der Dorf- und Nachbarschaftsläden ein? Hält der Trend zu „Tante Emma" an?

Unternehmensberater Wolfgang Gröll

Gröll: Da bin ich ganz sicher. Die Menschen auf dem Land wollen starke Dörfer mit attraktiven Mittelpunkten und Läden, die Produkte aus der Region anbieten. Denken Sie zudem an die Zielgruppe der sogenannten „LOHAS", deren Lebensstil von Gesundheitsbewusstsein und Nachhaltigkeit geprägt ist. Diese Gruppe nimmt - zumindest bei uns in Bayern - immer mehr zu und wird den Trend zu Dorfläden weiter verstärken.

 

 

Unternehmensberater Wolfgang Gröll berät und begleitet seit 20 Jahren Lebensmittel-Einzelhändler und Dorfladen-Bürgergesellschaften bei der Gründung, Eröffnung und erfolgreichen Führung von Geschäften zur Sicherung der Nahversorgung im ländlichen Raum sowie in unterversorgten Stadtteilen, vornehmlich im Süden Deutschlands.

Gröll ist bei der KfW zugelassener Berater für das geförderte Gründungscoaching. Sein Unternehmen newWAY ist Mitglied im Dorfladen Netzwerk.