Die Wissenschaft interessiert sich für MarktTreff

K i e l   MT 11.05.2016 – Gleich mehrere deutsche Hochschulen beschäftigen sich zurzeit mit dem Projekt MarktTreff. Dabei sind es unterschiedliche Ansätze, sich wissenschaftlich mit dem schleswig-holsteinischen Erfolgsprojekt zu beschäftigen.

 

Die derzeitige Weiterentwicklung des MarktTreffs Kirchbarkau ist für die Fachhochschule Kiel ein willkommener Anlass, sich in einem Management-Projekt für Master-Studierende mit dem multifunktionalen Versorgungszentrum im Kreis Plön zu beschäftigen. Der MarktTreff wird derzeit umgebaut und durch die Gemeinde für die Zukunft neu ausgerichtet. Da die Betreiberin oder der Betreiber des MarktTreffs sich auch wirtschaftlich erfolgreich gegenüber Konkurrenzbetrieben aufstellen müsse, sagt Prof. Dr. Hans Klaus vom Fachbereich Wirtschaft, sei dies ein guter Ansatz für die Studierenden. Klaus, der vor seiner Hochschullehrer-Laufbahn selbst Einzelhändler und Unternehmensberater war, betreut das Projekt mit seinem Kollegen Prof. Dr. Matthias Möbus, einem Experten für EDV-Anwendungen und Dienstleistungsmanagement.


 

21 Studierende, so Prof. Klaus, führten zur Entwicklung eines erfolgsträchtigen Konzepts in dem Projekt zum Thema Strategische Unternehmensführung verschiedene Analysen „nach den Regeln der Management-Kunst" durch. Dies soll dazu führen, dass sie maßgeschneiderte Lösungen vorschlagen können. Besonderes Augenmerk sei dabei neben Sortimentsgestaltung (höherwertige, veredelte, regionale Produkte, Catering und Ähnliches) und Einkauf darauf gerichtet, Bürgerinnen und Bürger als Zielgruppe der Verkaufsaktivitäten und Dienstleistungen zu gewinnen – und sie zugleich dazu zu motivieren, sich als aktiv Beteiligende („Mitmacher") einzubringen.


Die Fachhochschul-Studierenden haben bei ihrem vorangegangenen Bachelor-Studium ganz unterschiedliche Fächer studiert: Betriebswirtschaft, aber auch Ingenieur-, Ernährungs-, oder Sozialwissenschaften. „Diese breitgestreuten Fachlichkeiten eröffnen ganz unterschiedliche Sichtweisen und lassen kreative strategische Lösungsvorschläge erwarten", betont Prof. Klaus, der sich gemeinsam mit Prof. Möbus und den Master-Studierenden vor Ort ein Bild vom MarktTreff und der Gemeinde Kirchbarkau machte. Viele Fragen mussten dabei Dagmar Thiele-Gliesche von der Gemeindevertretung und Kaufmann Heinz-Jürgen Harms beantworten, der den MarktTreff 13 Jahre lang bis zu seinem Ruhestand führte.

 

 
Prof. Dr. Matthias Möbus und Prof. Dr. Hans Klaus betreuen das Projekt der Fachhochschule Kiel.
  Kirchbarkaus ehemaliger MarktTreff-Betreiber Heinz-Jürgen Harms gab den Studierenden viele wertvolle Hinweise.

 

Bereits im vergangenen Jahr haben Studierende der Christian-Albrechts-Universität Kiel die Nahversorgungssituation in kleinen schleswig-holsteinischen Gemeinden unter die Lupe genommen. Für die Studierenden sei entscheidende Frage gewesen, so Prof. Dr. Ulrich Jürgens vom geographischen Institut der CAU Kiel, wie sensibilisiert Bürgerinnen und Bürger sowie die Politik mit alternativen Angeboten umgingen. Dabei seien Standorte in den Fokus gerückt worden, die nicht durch Discounter vor Ort versorgt würden. Dazu zählten eine Reihe von Gemeinden, die bereits einen MarktTreff besitzen oder gerade entwickeln oder realisieren: Hohenfelde, Neuwittenbek, Probsteierhagen, Sehestedt und Groß Vollstedt. Das Forschungsvorhaben mit dem Titel „Food Deserts mit Bezug auf Gesamt-Schleswig-Holstein und Fallbeispielen" wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. In Kürze sollen die Ergebnisse der CAU-Untersuchung der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

 


 
Mit Spaß bei der Projektarbeit im MarktTreff Kirchbarkau, der derzeit umgebaut wird.

  Die Studierendengruppe verschaft sich auch vom Ort Kirchbarkau einen Eindruck.

     
Gemeindevertreterin Dagmar Thiele-Gliesche und Prof. Dr. Hans Klaus vor dem MarktTreff in Kirchbarkau.
  Kirchbarkaus Ex-Kaufmann Heinz-Jürgen Harms im Austausch mit Prof. Dr. Hans Klaus.

 

An der Hochschule München beschäftigt sich derzeit in einem internationalen Studiengang Miriam Markowski mit dem MarktTreff-Projekt. Titel des Forschungsprojekts der Hamburger Kauffrau der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft sowie Kultur- und Bildungsmanagerin ist „The Motivation of the Small Neighbourhood Store - And its Significance in Urban and Regional Development (Die Motivation der kleinen Nahversorger - Bedeutungen für die Stadt- und Regionalentwicklung)". Nach ihrem Studium Community Development (Gemeinwesenentwicklung / Quartiersmanagement / Lokale Ökonomie) an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften wird Markowski den Mastertitel Master in Community Development tragen. Im Rahmen ihrer Forschung wird die 37 Jahre alte gebürtige Schleswig-Holsteinerin eine Befragung in einigen MarktTreff-Gemeinden vornehmen. „Für mich ist die Arbeit insofern besonders spannend, da ich aus Lentföhrden im Kreis Segeberg stamme."


Befragungen zu ländlichen Nahversorgungseinrichtungen in gleich zwei Bundesländern hat Caroline Zoller bereits auf den Weg gebracht. „In Schleswig-Holstein konzentriere ich mich auf die MarktTreffs, auf die ich bei meiner Vorrecherche als erfolgreiches Beispiel gestoßen bin", sagt die 25-jährige Master-Studentin vom Fachbereich Mathematik und Geographie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zudem untersucht sie auch Nahversorgungseinrichtungen und deren Wirkungszusammenhänge in ländlichen Räumen von Rheinland-Pfalz. Als Basis für ihre wissenschaftliche Arbeit dienen Zoller die Ergebnisse mehrseitiger Fragebögen, aber auch Besuche direkt vor Ort. „Die mache ich aber ganz bewusst inkognito, um den Alltag dort zu erleben." 


Druck durch Discounter: MarktTreff-Betreiber
diskutierten aktuelle Entwicklungen

P r o b s t e i e r h a g e n  MT 12.04.2016 – Erfolgreiche Beispiele von Wiedereröffnungen und Veränderungen sowie der zunehmende Druck auf Lebensmittelgeschäfte in Dörfern durch die Discounter standen im Fokus des Erfahrungsaustausches der MarktTreff-Betreiber. Über 25 Teilnehmer aus ganz Schleswig-Holstein diskutierten in Probsteierhagen (Kreis Plön) intensiv aktuelle Entwicklungen und Themen und forderten konsequenteres Handeln auch auf Landes- und Kreisebene, um die Chancengleichheit gerade für die kleinen Läden in den Dörfern langfristig zu erhalten. Begrüßt wurde in diesem Zusammenhang das aktuelle Jahres-Motto von MarktTreff: „Mein Einkauf bleibt im Dorf!".

 

Den gelungenen Neustart des MarktTreff-Laden in Probsteierhagen präsentierten Bürgermeister Klaus-Robert Pfeiffer und Kauffrau Iris Köpke. Nach dem Ausscheiden des vorherigen Lebensmittelhändlers habe die Gemeinde östlich von Kiel noch einmal Geld in die Hand genommen und investiert, um die Rahmenbedingungen zu verbessern: neuer Fußboden, neue Kühltechnik, neues Erscheinungsbild. Und Iris Köpke machte sich, bevor sie als gelernte Floristin den Topkauf-Laden neu eröffnete, noch einmal fit mit einem sechswöchigen Praktikum bei einem großen Lebensmittelhändler in Kiel. „Das war sehr hilfreich für mich. Ich habe in allen Bereichen mitgearbeitet, ob Obst- und Gemüsebereich, Bestellung, Kasse oder Buchführung – das hat mir eine Menge gebracht."

 

„Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir Frau Köpke als neue Betreiberin haben", ist Bürgermeister Pfeiffer überzeugt. „Wir lagen von Anfang an auf gleicher Wellenlänge, und wir freuen uns sehr, dass die ganze Familie – Ehemann, Sohn, Schwiegermutter – mit eingebunden sind." Es sei wirklich gelungen, den MarktTreff mit Laden, Touristinformation und Geldautomat als Dorfzentrum wiederzubeleben. Davon überzeugten sich die Teilnehmer des Erfahrungsaustauschs bei ihrem Rundgang durch den umgebauten MarktTreff-Laden.

 

Allerdings müsse immer wieder aufs Neue für den MarktTreff in der Gemeinde geworben werden, „sei es in den Ausschüssen, über das Amtsblatt oder auch der Einkaufswerbung", ist sich Bürgermeister Pfeiffer sicher. Da komme das aktuelle MarktTreff-Motto des Jahres 2016 genau richtig: „Mein Einkauf bleibt im Dorf!".

 


 
Bürgermeister Klaus-Robert Pfeiffer schilderte die Entwicklung rund um die Wiedereröffnung des MarktTreffs Probsteierhagen.
  MarktTreff-Betreiber Maik-Schultze aus Wester-Ohrstedt plädierte für einen intensiven, kontinuierlichen Austausch mit der Gemeinde.

 

Franz Schwarten, Bürgermeister von Kirchbarkau (Kreis Plön), redete Klartext: Eine Gemeinde müsse die Entscheidung für einen MarktTreff als eine Investition in die Zukunft ansehen. Aber: Mit einem MarktTreff werde sich niemand eine goldene Nase verdienen, er sorge jedoch für eine erhöhte Lebensqualität und den Erhalt von Immobilienwerten im Dorf. „Das muss uns als Gemeinden dauerhaft wichtig und etwas wert sein – toll, wenn sich Menschen überhaupt dazu entscheiden, einen MarktTreff zu betreiben."

 

Angeregt wurde bei dem Treffen in den von der Kirchengemeinde Probsteierhagen zur Verfügung gestellten Tagungsräumen, weiter auszuloten, wie die Marke MarktTreff noch intensiver genutzt werden könne – bis hin zu einem gemeinsamen Einkauf und einer Stärkung der regionalen Angebote. Dass dabei verschiedene Hürden zu überwinden sind, zeigten die Erfahrungen einzelner, wenn beispielsweise regionale Anbieter auf Anfragen von MarktTreffs gar nicht reagierten.

 

„Wie reagieren wir auf den zunehmenden Druck durch die Discounter?" lautete die grundsätzliche Frage, mit der sich in einer Gesprächsrunde mit den Teilnehmern Dr. Liane Faltermeier (IHK Schleswig-Holstein), Volker Stiefel (Lebensmitteleinzelhändler mit Hauptgeschäft in Hohn und Betreiber des MarktTreffs Tetenhusen / Kreis Rendsburg-Eckernförde) und Martin Schramm (BBE Handelsberatung) auseinandersetzten. Die statistische Bestandsaufnahme des Einzelhandels zeige deutlich, wie die Discounter kleine Lebensmittelmärkte verdrängten, betonten Stiefel und Schramm. „Wenn der Aldi der Zukunft jetzt auch verstärkt in Kaffeeecke und Kunden-WC investiert und immer mehr Flächenerweiterungen erlaubt werden", so der BBE-Experte, „wird es noch enger für die kleinen Nahversorger im Dorf."

 


 
Von Beginn an gab es beim Erfahrungsaustausch intensive Gespräche zwischen den Teilnehmern.

  Schon vor dem offiziellen Beginn gaben Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Kaffee und Kuchen ihre Erfahrungen und Ideen weiter.

     
MarktTreff-Betreiber Volker Stiefel im Gespräch mit Dr. Liane Faltermeier von der IHK Schleswig-Holstein
  Erfolgreich in Probsteierhagen gestartet: MarktTreff-Betreiberin Iris Köpke, die von ihrem Mann unterstützt wird.

 

Dem Drang der Discounter nach ständiger Flächenerweiterung müsse ein Riegel vorgeschoben werden, so Marco Pioch, Kaufmann in Garding und Betreiber des MarktTreffs Witzwort (Kreis Nordfriesland). „Die Kleinen können so nicht überleben!" Dem stimmte Gülzows Bürgermeister Wolfgang Schmahl aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg zu. Nur wenige Kilometer vom MarktTreff entfernt gebe es einen neuen Anbieter – mit negativen Folgen für den Gülzower MarktTreff. Schmahl forderte hier klare Bekenntnisse auch der Kreispolitik zur ländlichen kleinen Nahversorgung.

 

Auf den Vorschlag Faltermeiers, sich regional noch besser bei der Entwicklung der Nahversorgung abzustimmen, und Schramms Hinweis, sich rechtzeitig gegen neue Discounter zu wehren, antwortete Kaufmann Stiefel mit der eigenen Erfahrung. „Die Situation ist schwierig. Wir haben Gutachten in Auftrag gegeben, die viel Geld kosten. Die wurden dann zur Kenntnis genommen, aber bewirkt haben sie bisher nichts."

 

Die bisherige Preisstruktur zerbreche durch das Agieren der Discounter – darauf wies Lebensmittelhändler Pioch hin. Die Situation verschärfe sich dadurch, dass Discounter immer mehr Markenartikel in ihr Sortiment aufnehmen würden. Volker Stiefel stellte zudem heraus, dass auch bei den kleinen Läden die Erwartungshaltung der Kunden hoch sei. Beispielsweise würden Treuepunkte und Sammelaktionen erwartet, seien aber für die kleinen Geschäfte praktisch nicht zu realisieren.

Wie wichtig eine enge Verbindung und gute Abstimmung von Ladenbetreiber mit der jeweiligen Gemeinde ist, machte Maik Schultze, MarktTreff-Betreiber in Wester-Ohrstedt (Kreis Nordfriesland), deutlich. „Achten Sie auf einen intensiven Austausch mit und eine Unterstützung durch die Gemeinde – damit verhindern Sie bereits im Vorfeld bestimmte Probleme." Dieter Witasik vom MarktTreff-Projektmanagement ergänzte dazu: „Ein MarktTreff kann sich nur erfolgreich verankern, wenn bestimmte Rahmenbedingungen vorher schriftlich mit der Gemeinde vereinbart werden. Denken Sie beispielsweise an die Nutzung von Parkplätzen, das Aufstellen von Schildern etc."

 


 
Fachlicher Austausch zu aktuellen Fragen (v. r. n. l.): Dr. Liane Faltermeier (IHK Schleswig-Holstein), Dieter Witasik (ews group), Martin Schramm (BBE), Marco Pioch (MarktTreff Witzwort) und Maik Schultze (MarktTreff Wester-Ohrstedt)

  Dagmar Thiele-Glische (links) aus Kirchbarkau sprach mit Dr. Liane Faltermeier von der IHK Schleswig-Holstein beim Rundgang durch den Laden in Probsteierhagen.
     
Mit großem Interesse besichtigten der Tagungsteilnehmer den Lebensmittelladen des MarktTreffs Probsteierhagen.

  Diskussion am Kassentresen: Marco Pioch (links), Iris Köpke und Dieter Witasik

     
Fachfragen besprachen auch Dr. Liane Faltermeier (links) und Kerstin Rönick vom MarktTreff-Projektmanagement.


  Kaufmann Volker Stiefel (rechts) gab Hinweise an die Kirchbarkauer, die zurzeit nach über 13 Jahren wieder in ihren MarktTreff investieren.

     
Betreiberehepaar Köpke hörte Interessantes von Kaufmann Marco Pioch (Mitte) von der Westküste.
  Bereits seit längerem im Austausch: die Kirchbarkauer und Dr. Liane Faltermeier von der IHK Schleswig-Holstein (links)