Wandel im Lebensmittelhandel fordert Dörfer heraus –
Erfahrungsaustausch der MarktTreff-Gemeinden in Hennstedt

H e n n s t e d t  MT 21.11.2016 – Aktuelle Fragen der Nahversorgung in Dörfern, zukünftige Versorgungsmodelle in ländlichen Räumen und Fördermöglichkeiten für die Dorfentwicklung standen im Fokus des jährlichen Erfahrungsaustausches, zu dem sich jetzt Bürgermeister, MarktTreff-Betreiber, Verwaltungsfachleute und AktivRegions- und Gemeindevertreter trafen. Die Veranstaltung mit über 50 Interessierten war dieses Mal eine Premiere: Erstmalig kamen die Teilnehmenden in Dithmarschen zusammen – im neuen, hochmodernen MarktTreff „Inne Merrn“ in Hennstedt mit seinem Kerngeschäft Gastronomie direkt gegenüber der historischen Dorfkirche.

 

Bürgermeisterin Anne Riecke erzählte zur Begrüßung, dass es ein steiniger Weg gewesen sei bis zur Eröffnung. Aber sie sei sehr überzeugt von dem Drei-Säulen-Modell des MarktTreffs, wodurch eine so vielseitige Veranstaltungsstätte in ihrer Gemeinde entstanden sei. Zudem ermögliche der Treffbereich verschiedenen Anbietern jetzt Sprechstunden – wie dem Dorfkümmerer Otto Beeck, dem Tourismusbüro oder der Volkshochschule sowie zum Beispiel dem Schachtreff einen Spielraum. „Da ist aber noch viel Luft nach oben, alles entwickelt sich Schritt für Schritt.“ 

 

Projektideen früh mit LLUR abklären

 

Christina Pfeiffer aus dem Referat ländliche Entwicklung im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR) brachte die Austauschteilnehmer auf den aktuellen Stand der Förderpraxis in der EU-Förderperiode 2014-2020. Leitprojekte der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) in dem Bereich Nahversorgung und Bildung werden durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die ländliche Entwicklung (ELER) gefördert. Von 14 Millionen Euro für Schleswig-Holstein seien noch rund 7,6 Millionen Euro bis 2020 als Fördermittel einsetzbar. „Sprechen Sie ihre Ideen und Anträge zu einem ILE-Projekt für die nächste EU-Förderrunde am besten vorab intensiv mit dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) durch, damit Sie einen bewilligungsreifen Förderantrag bis zum Stichtag 1. April 2017 einreichen können.“ Die Förderung pro Projekt könne bis zu 750.000 Euro betragen.

Fördermittel aus dem EU-Topf werden darüber hinaus auch für ILE-Leitprojekte zu den Themen Ländlicher Tourismus oder Erhaltung des kulturellen Erbes angeboten. Alle Informationen zu diesen Bereichen der EU-Förderung sind auf der Homepage der Landesregierung unter dem Suchbegriff „ILE-Leitprojekte“ zu finden.

 

     
Hennstedts Bürgermeisterin Anne Riecke begrüßte die Teilnehmenden am Erfahrungsaustausch der MarktTreff-Gemeinden.

 

  Christina Pfeiffer vom Ministerium erläuterte den aktuellen Stand der Fördermöglichkeiten von Projekten der ländlichen Entwicklung. 

     
Kaufmann Sven Lück schilderte pragmatisch die Rahmenbedingungen, um einen Laden erfolgreich zu betreiben.

  Wilfried Surrey, Bürgermeister aus Großsolt, berichtete über die erfolgreiche Ortskernentwicklung in seiner Gemeinde.
     
Barbara Schröder aus Kirchbarkau berichtete, warum sie sich für das Leben im Dorf entschieden hat und ein MarktTreff für sie unverzichtbar ist.
  Michael Kothe, im Bereich Standortsicherung der EDEKA Nord tätig, verdeutlichte aktuelle Trends im Lebensmittelgeschäft und Voraussetzungen für neue Standorte.

     
Im direkten Austausch (v. l. n. r.): Kaufmann Sven Lück, Stadums Bürgermeister Werner Klingebiel und Michael Kothe von der EDEKA Nord
  Intensiv wurde in der großen Runde im MarktTreff „Inne Merrn“ Hennstedt diskutiert.

     
Christina Pfeiffer (MELUR) und Michael Kothe (EDEKA Nord) erörterten zukunftsweisende Versorgungsmodelle.
  Heiner Ullrich (l.) aus Delve informierte sich bei Jan-Nils Klindt vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume.

     
Zwei Hennstedter: Themistokles Sidiropoulos (l.), Betreiber des Restaurants im MarktTreff, und Gemeindevertreter Henning Dethlefs.
  Oliver Ohm (BBE Handelsberatung, links) beantwortete die Fragen von Frank-Michael Tranzer, Bürgermeister von Oldenswort.

     
Maik Schultze, MarktTreff-Betreiber aus Wester-Ohrstedt, präsentierte Christina Pfeiffer aus dem Ministerium eine neue Idee: eine Uhr mit MarktTreff-Logo.   Gefragte Gesprächspartnerin: Barbara Schröder aus Kirchbarkau, wo jüngst der MarktTreff Barkauer Land in Trägerschaft einer Bürgergenossenschaft wieder eröffnet wurde.

 

Über ein weiteres Programm, eine Gemeinschaftsaufgabe des Bundes und der Länder (GAK), werden Fördermöglichkeiten zur Stärkung der Dorfkerne bereitgestellt. Die Förderbedingungen sind auf der Homepage des Landes unter dem Stichwort „GAK – Ortskernentwicklung“ dargestellt. Spätester Einreichtermin für die Anträge ist der 28. April 2017.

 
Zusätzlich gebe es, so Pfeiffer, noch „für die ganz Schnellen mit fertigen Konzepten" ein Sonderprogramm 2017 für die neue GAK-Maßnahme 9.0 „Einrichtungen für lokale Basisdienstleistungen“, bei der einmalig insgesamt 1,5 Millionen Euro für Projekte bereitgestellt würden. Die kompetenten Ansprechpartner seien auch hier die jeweils zuständigen Regionaldezernate des LLUR.

 

Sven Lück, MarktTreff-Betreiber aus Stadum und Edeka-Markt-Inhaber in Leck (Kreis Nordfriesland), stellte seine strategischen Überlegungen und programmatischen Tipps hinsichtlich Preisgestaltung, Sortimentsauswahl und Service bei einem kleinen Dorfladen vor. „Es funktioniert, da ich einen tollen Rückhalt in der Gemeinde bekomme. Ich gehe mit viel Idealismus an die Aufgabe heran, denn mir ist es sehr wichtig, dass es eine verlässliche Nahversorgung in Stadum gibt.“ Mit eigenem Lieferfahrzeug transportiert Lück Waren von seinem Hauptgeschäft zum MarktTreff. Da Service keiner bezahlen wolle, immer noch „Geiz ist geil“-Mentalität herrsche und die Ladengröße nicht eine Riesenauswahl an Produkten zulasse, sei es entscheidend, seine Kunden sehr gut zu kennen und entsprechend abzuwägen. Lücks Fazit: MarktTreff heißt: biete das richtige Produkt zum richtigen Preis mit vertretbarem Service an!

 

Versorgungsknotenpunkte in der Diskussion

 

Wie sich ein großer Lebensmittellieferant die Zukunft vorstellt, erläuterte Michael Kothe von der Standortsicherung und Expansion der Edeka Handelsgesellschaft Nord mbH. Hohe Investitionen flössen in die zukünftigen größeren Märkte, die sich in einem Einzugsgebiet mit mindestens 5.000 Einwohnern befinden müssten. Die ländlichen Räume mit kleinen Standorten im Blick zu behalten, sei da schwierig. „Uns schweben Versorgungsknotenpunkte vor – die dann mit mobilen Angeboten für das Umfeld ergänzt werden. Aber da muss die Landesplanung mitmachen. Viele kleine Läden in vielen Dörfern – das ist wirtschaftlich auf Dauer nicht tragbar.“ Auch Edeka beschäftige sich mit dem Online-Handel und entwickle dafür neue Angebote. Aber logistische und versorgungstechnische Probleme schränkten den Lieferservice noch stark ein.

 

Es werde nach weiteren Ideen gesucht und Alternativen bereits jetzt beispielsweise in Bayern ausprobiert mit einer sogenannten „emmasbox“. Diese Abholstation mit Kühlung für Lebensmittel könne auch für ländliche Räume im Norden interessant sein. Allerdings bediene das Modell nicht die soziale Komponente der kleinen Märkte – sich zu treffen wie in den MarktTreffs. Aber es lohne sich, die Idee weiter zu diskutieren und mitzuentwickeln, richtete Kothe einen Apell an die Teilnehmer, zu denen auch Dithmarschens stellvertretender Kreispräsident Norbert Zimmermann und Landtagsabgeordneter Karsten Jasper zählten.

 

Neues Bürgerengagement in Kirchbarkau

 

Dass ein Lebensmittelmarkt und Treffpunkt aber besonders wichtig für das Dorfleben ist, schilderte Barbara Schröder aus Kirchbarkau (Kreis Plön) eindrucksvoll. Voller Leidenschaft erzählte sie, dass ihre Familie nur deshalb vor 17 Jahren in dieses Dorf am Bothkamper See gezogen sei, weil sie sicher sein konnte, vor Ort einkaufen gehen zu können. Und damit dies so bleibe, machten sich jetzt viele Einwohner in der frisch gegründeten Bürgergenossenschaft und in einem ehrenamtlichen Helferkreis für die Idee stark. Der nach einem Umbau neu eröffnete MarktTreff Barkauer Land beweise, was möglich sei, wenn Bürger ihren sozialen Mittelpunkt behalten wollten. „Erst als der MarktTreff geschlossen war, merkten viele, was sie nicht mehr hatten. Die Möglichkeit sich untereinander zu treffen, fiel weg.“

 

Mit ihrem jetzigen Engagement seien viele Bürger ein Teil des neuen MarktTreffs geworden. Menschen packten selber mit an, bestückten den Laden, räumten die Regale ein und unterstützten auch mal an der Kasse. „Wir haben eine tolle Marktleiterin in unserem Dorf gefunden, die in ihre neue Aufgabe hineinwächst. Es ist durch die Genossenschaft ein starkes Wir-Gefühl entstanden.“ Und noch einen Vorteil sieht sie: „Kinder können beispielsweise den Umgang mit Geld lernen, da sie hier sehr schnell allein einkaufen gehen können und dadurch selbständiger werden – so wie meine damals.“  Das neue Bewusstsein darüber, wieviel Arbeitsaufwand in solch einem Dorfladen stecke, steuere auch das Einkaufsverhalten und stärke den MarktTreff.

 

In der Diskussion über die Planung zukünftiger MarktTreffs verwies Maik Schultze aus Wester-Ohrstedt darauf: „Wenn ihr baut, dann sucht euch als Partner erfahrene Architekten, die wirklich etwas davon verstehen. Gerade die energetischen Probleme und Herausforderungen einiger Gebäude – nicht zuletzt aufgrund der immer komplizierter werdenden Technik – können enorm sein, sodass ein reibungsloser Ladenbetrieb nicht gewährleistet werden kann.“

 

Großsolt besitzt erstmals einen Dorfkern

 

In Großsolt, einem knapp 1.800 Einwohner zählenden Dorf im Kreis Schleswig Flensburg, ist Bürgermeister Wilfried Surrey der Meinung, dass der dortige MarktTreff unverzichtbar ist für ein aktives Dorfleben. „Es ist ein auf und ab und wir zahlen bisher zu, aber es ist uns wichtig, dass der MarktTreff bleibt – und wir sind optimistisch, dass unser neuer Ortskern auch den MarktTreff stärken wird.“ Ausgehend vom MarktTreff engagierte sich die Gemeinde gezielt in der Dorfkernentwicklung. Mit Erfolg, obwohl das in einem Flächendorf keine leichte Aufgabe gewesen sei. „Wir haben in die Zukunft investiert mit unserem neuen Gebäudekomplex ‚Mühle der Begegnungen‘, der nun den MarktTreff vielseitig ergänzt.“ Integriert seien in die ehemalige Mühle und den angedockten Neubau Tagespflege, Dorfmuseum und offener Treff. Der jetzt erstmals entstandene echte Dorfkern in Großsolt werde durch altersgerechte Wohnungen und das Feuerwehrgebäude komplettiert. Bürgermeister Surrey: „Klasse ist, dass wir genügend Fläche haben, um anzubauen. Das rate ich jeder Gemeinde: Schaut euch um, welche Flächen ihr kaufen könnt, um euer Dorf zu entwickeln.“

 


 

INTERVIEW

 

„MarktTreff bleibt ein lernendes Projekt – das ist unsere Stärke“

 

Seit 1999 begleitet Christina Pfeiffer das Projekt MarktTreff federführend im Kieler Ministerium. Auf welchem Kurs sieht sie das deutschlandweit beachtete Nahversorgungsmodell derzeit? Im Interview gibt Pfeiffer Antworten.

 

Welche Bilanz ziehen sie für die Entwicklung der MarktTreffs im Jahr 2016?
Was ist für Sie dabei ein Highlight gewesen?

Christina Pfeiffer: Stolz dürfen wir insgesamt auf die Stabilität, auf die Krisenfestigkeit der MarktTreffs sein. Diese Resilienz, die Widerstandsfähigkeit unseres schleswig-holsteinischen Nahversorgungsmodells hat sich in vielen Situationen schon bewiesen. Auch stürmische Zeiten wurden bisher immer gemeinsam bewältigt.

Eine andere erfreuliche Entwicklung: Viele Jahre mochten sich MarktTreff-Gemeinden in Schleswig-Holstein mit dem Thema Genossenschaften nicht anfreunden. Andere Bundesländer waren uns da voraus. Nun aber scheint der Bann gebrochen – davon bin ich begeistert. Denn ich glaube, dass das Engagement unserer MarktTreff-Gemeinden und -Betreiber in der Regel schon außergewöhnlich hoch ist. Vielerorts gilt: Mehr geht nicht. Spielräume für mehr Engagement sehe ich noch bei den Bürgerinnen und Bürgern in den Dörfern.

 

Was raten Sie deshalb Gemeinden?

Christina Pfeiffer: MarktTreff gelingt, wenn alle an einem Strang ziehen: Gemeinde, Betreiber, Bürgerinnen und Bürger. Dafür haben wir aktuell gute Beispiele: Heidgraben im Kreis Pinneberg, Delve im Kreis Dithmarschen oder Kirchbarkau im Kreis Plön, wo im wiedereröffneten MarktTreff Barkauer Land erstmals eine Bürgergenossenschaft Betreiber eines MarktTreffs ist. Diese Gemeinden zeigen uns bei aller besonderen Individualität einen zukunftsweisenden Weg: Dorfgemeinschaften erfinden sich neu!

Wo sehen sie neue Wege in der Verknüpfung von mobiler und stationärer Nahversorgung?

Christina Pfeiffer: Sehr gespannt bin ich auf die erste MarktTreff-Kooperation, die sich zwischen zwei Standorten am Nord-Ostsee-Kanal – Borgstedt und Sehestedt – anbahnt. Zudem sind wir dabei, neue Ansätze und Techniken bundesweit auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen, um den sinnvollen schleswig-holsteinischen Weg vorantreiben zu können – ohne dabei den sozialen Fokus der MarktTreffs aus den Augen zu verlieren.

 

Mit 36 Standorten schon einiges erreicht. Wie erleben sie das Interesse für neue Standorte?

Christina Pfeiffer: Ich werte es als klares Zeichen für den Erfolg der MarktTreff-Philosophie, dass wir aus Gemeinden des nördlichsten Bundeslandes weiter eine hohe und kontinuierliche Nachfrage haben. Es ist immer mehr Menschen in Schleswig-Holstein bewusst geworden, dass MarktTreff zwar auf eine verbindende Grundidee setzt, zugleich aber individuelle Lösungen für das eigene Dorf nicht nur zulässt, sondern sehr gezielt auf sie setzt. Auch in Zukunft werden wir neue Elemente und Ansätze in unser Modell integrieren. Denn MarktTreff bleibt ein lernendes Projekt – das ist unsere Stärke.


Beirat beeindruckt von MarktTreff-Dörfern –
bnur diskutiert „Nahversorgung im Wandel“

R e n d s b u r g / F l i n t b e k   MT 19.10.2016 – Von diesem Gremium und dem Geist, der hier herrsche, sei sie begeistert, zeigte sich Dr. Silke Schneider, Staatssekretärin im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, auf der jüngsten Sitzung des landesweiten MarktTreff-Beirats beeindruckt. Spitzenvertreter der rund 20 offiziellen MarktTreff-Partner diskutierten auf Einladung des Bauernverbandes Schleswig-Holstein auf ihrer diesjährigen Sitzung in Rendsburg aktuelle Themen rund um das Projekt MarktTreff und der ländlichen Räume Schleswig-Holsteins. So standen insbesondere die Integration von Flüchtlingen, neue Mobilität und die genossenschaftliche Trägerschaft bei MarktTreffs im Fokus.

 

„Die bundesweite Beachtung für das Projekt MarktTreff spricht für sich“, betonte Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein bei seiner Begrüßung. Der demographische Wandel schlage nicht nur im nördlichsten Bundesland zu, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern oder in der Eifel. Deshalb empfahl Schwarz: „Unser Projekt MarktTreff ist kopierwürdig.“ Aber der Fokus müsse im ländlichen Raum nicht nur auf Nahversorgung, sondern auch auf die Bauern gelegt werden. Denn es gebe bereits erste Dörfer, die keine Bauern mehr hätten.

 

Konrad Gromke vom Helferkreis Probsteierhagen im Kreis Plön löste mit seinem Bericht „Flüchtlinge im ländlichen Raum – erste Erfahrungen“ einen intensiven Austausch zum Thema Integration aus. Wichtiger Faktor bei der Erfolgsgeschichte in seiner Gemeinde sei, so der ehemalige Bürgermeister, dass sich um die 42 Flüchtlinge 30 engagierte Menschen aus dem Ort kümmerten. Hans Joachim Am Wege vom Schleswig-Holsteinischen Gemeindetag sprach große Anerkennung für die geleistete Arbeit aus und ergänzte: „Ich könnte jetzt spontan 30-40 andere Gemeinden aufzählen, die ebenfalls tolle Arbeit leisten. Doch ehrenamtliches Engagement allein reicht nicht aus. Die Integration der Menschen kostet auch Geld. Und es braucht einen langen Atem und zusätzliches Personal. Wir führen deshalb momentan die Diskussion, wie die Kosten aufgeteilt werden sollen.“ Für Wolfgang Beer, Vizepräsident des Landessportverbandes Schleswig-Holstein ist es ganz wichtig, „unsere Mitarbeiter weiterzubilden zu Themen wie Flucht, Rassismus, Grundregeln im Konfliktmanagement“. Er betonte den wichtigen Beitrag, den der Sport für die Integration leisten könne.

 

Intensive Schulungen haben in einem ganz anderen Bereich die ehrenamtlich Tätigen beim BürgerBus Ladelund hinter sich. Christel Hintz, die Fahrdienstleiterin des bürgerschaftlichen Projektes an der dänischen Grenze, stellte voller Begeisterung ihr erfolgreiches BürgerBus-Netz vor und berichtete, dass mittlerweile 35 Menschen als Fahrer mit dabei seien. „Und jetzt haben wir einen ersten Flüchtling, der mitmacht!“ Das Motto des den klassischen Liniendienst ergänzenden Service sei „Bürger fahren für Bürger“. Nach zwei Jahren hätten die mittlerweile drei Fahrzeuge, die beim MarktTreff in Ladelund stationiert sind, bereits 30.000 Fahrgäste befördert.

 

Auf eine weitere Erfolgsgeschichte hofft auch Frank Jedicke von der Bürgergenossenschaft Barkauer Land im Kreis Plön. Im MarktTreff Kirchbarkau habe ein Betreiberwechsel angestanden und den habe die Gemeinde genutzt, um das MarktTreff-Gebäude energetisch zu sanieren und den Laden ganz neu zu gestalten. Zudem habe man für den Betrieb des MarktTreffs eine Bürgergenossenschaft gegründet. Jedicke: „Unsere Devise dabei: Leiht uns euer Geld – und wir machen damit für alle was. Und die fand Anklang.“ In kurzer Zeit sei es gelungen, 160 Mitglieder zu gewinnen- nicht nur aus Kirchbarkau, sondern auch aus umliegenden Dörfern. Das Gemeindeübergreifende spiegele sich nun im Namen wider: „Nicht mehr MarktTreff Kirchbarkau, sondern MarktTreff Barkauer Land.“

 

 
Der landesweite MarktTreff-Beirat kam zu seiner diesjährigen Sitzung beim Bauernverband Schleswig-Holstein in Rendsburg zusammen.

 

     
Staatssekretärin Dr. Silke Schneider führte in den aktuellen Stand der MarktTreff-Thematik ein.
  Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, wies darauf hin, dass es jetzt bereits erste Dörfer ohne Landwirte gebe.

     
Einer der BürgerBusse aus Ladelund stand direkt vor dem Gebäude des Bauernverbandes – und begeisterte die Beiratsmitglieder.

  Lösten mit ihren Impulsvorträgen eine rege Diskussion aus: Christel Hintz (BürgerBus Ladelund) und Konrad Gromke vom Helferkreis Probsteierhagen.

     
Frank Jedicke berichtete von dem bisherigen Erfolg der Bürgergenossenschaft Barkauer Land, die den Betrieb des MarktTreffs in Kirchbarkau übernommen hat.

  Eines der vielen intensiven Gespräche am Rande des MarktTreff-Beirats: Bauernverbands-Präsident Werner Schwarz (links) und Wolfgang Beer, Vizepräsident des Landessportverbandes Schleswig-Holstein.

     
Aktuelles im Fokus: Wencke Ahmling (Vorsitzende der Landjugend Schleswig-Holstein, links), Jürgen Blucha (Referatsleiter ländliche Entwicklung im Ministerium) und Staatssekretärin Dr. Silke Schneider.

  Dr. Liane Faltermeier (IHK Schleswig-Holstein) und Hans Joachim Am Wege tauschten sich über Themen der ländlichen Räume aus.


     
Aktiv im MarktTreff-Beirat: Werner Schwarz (Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein) und Lutz Frank (Vizepräsident DEHOGA Schleswig-Holstein, rechts)

  Sehr offen wurden im Beirat Fragen aus dem MarktTreff-Themenspektrum diskutiert.


     
Über aktuelle Themen und Herausforderungen berichtete Ingwer Seelhoff vom MarktTreff-Projektmanagement.

  Hermann-Josef Thoben (Vorsitzender der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins) im Gespräch mit Delf Kröger von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein

„Nahversorgung mit MarktTreff krisenfest machen“

 

Unter der Überschrift „Nahversorgung im Wandel" trafen sich jüngst Regionalentwickler, Planer, Bürgermeister und zahlreiche Interessierte beim Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume (bnur) in Flintbek. Bereits in ihrer Einführung gab Christina Pfeiffer aus dem Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR) die Richtung vor: „MarktTreff ist ein lernendes Projekt. In den Gemeinden arbeiten viele engagierte Menschen zusammen. Neue Konzepte und Entwicklungen machen Mut und stärken die Krisenfestigkeit.“


Von diesem „Mut zum Experiment“ über regionale Kooperationen bis zur Bindekraft einer Genossenschaft gingen die Ausführungen der Referenten. Ergänzt wurde das Spektrum durch den Blick der Landesplanung Schleswig-Holstein auf die Daseinsvorsorge und neue Strategien in Kooperationsräumen.

„MarktTreff muss man immer wieder ins Bewusstsein bringen. Aber wie?“, fragte Silke Hünefeld, Bürgermeisterin aus Jörl. In ihrer Gemeinde sei man neue Wege gegangen und habe insbesondere die 25- bis 40-Jährigen angesprochen. In einer lockeren „Jörler Runde“ treffe man sich und entwickle Veranstaltungen rund um den MarktTreff. Die ersten Erfahrungen seien überaus positiv: Das „Jörler Spektakel“ im Sommer habe das halbe Dorf auf die Beine gebracht und viele hätten den „MarktTreff" mit neuen Augen gesehen. „Jetzt planen wir einen Weihnachtsmarkt, bei dem noch mehr Vereine mitmachen wollen“, ergänzte Hünefeld. Durch die gemeinsamen Aktivitäten seien der Laden sowie der Sportverein belebt worden. „Die ‚Jörler Runde‘ ist offen für alle. Wir erreichen ganz neue Leute. Das Experiment ist geglückt.“ 

 

Rita Koop, Bürgermeisterin aus Sehestedt in den Hüttener Bergen, freut sich ebenfalls auf den Dezember. Dann werde der im Bau befindliche MarktTreff „direkt am Kanal“ eröffnen. „Neben dem Imbiss legen wir einen Schwerpunkt auf regionale Produkte. Viele namhafte Produzenten aus dem Umland sind mit ihren Waren vertreten“, schwärmte Koop. Sie beobachte eine verstärkte Hinwendung zur Region, zu Bio und zu Qualität. Die Belieferung mit weiteren Produkten des täglichen Bedarfs übernehme der Mobile Verkaufswagen aus Borgstedt. Alles sei auf einem guten Weg: Treffräume für Vereine, Bürgermeister-Büro, E-Bike-Ladestation – dazu komme noch ein Bouleplatz, Spielgeräte und ein Kunstwerk. „Das wird unser neues Zentrum. Wir haben bei unserer Entwicklung und Planung profitiert vom Austausch mit anderen MarktTreffs.“

 

Einer, der schon in vielen Gemeinden die Idee der Genossenschaft vorgestellt hat, ist Matthias Retzlaff, Vorstand der Treffpunkt Eiderschleife eG in Delve. „Genossenschaft ist Gemeinschaft. Wir haben bei uns bereits 192 Bürgerinnen und Bürger dafür begeistert“, führte Retzlaff aus. Dabei solle man von Beginn an ehrlich und realistisch an das Projekt gehen, gab er als Tipp: „Der Einkauf im Dorfladen kann etwas teurer sein als im Supermarkt. Aber wir haben einen echten Treffpunkt geschaffen. Im Wettbewerb mit anderen Dörfern kommt uns das sehr zugute.“


Klaus Einig von der Landesplanung aus Kiel verfolgte die Ausführungen aufmerksam und bestätigte die Strategie: „Wir sollten flexibel die Herausforderungen der Zukunft gestalten. Demografie, Ärzteversorgung, Kitas, Betreuung stellen die ländlichen Räume vor viele Fragen.“ In puncto Daseinsvorsorge hätte die Landesplanung erstmals aussagekräftiges Datenmaterial. Das System der Zentralen Orte wolle man beibehalten, den Ansatz von Kooperationsräumen weiter verfolgen. Ein wichtiger Aspekt sei und bleibe die Erreichbarkeit – und daher müsse man künftig flexible Mobilitätsformen schaffen.

 

Mit Begeisterung berichtete Jürgen Blucha, Leiter des Referats ländliche Entwicklung im MELUR, von der kürzlich erfolgten Wiedereröffnung des MarktTreffs Barkauer Land: „Der MarktTreff ist jetzt barrierefrei und energetisch saniert. Träger ist eine Genossenschaft, die aus der Gemeinde Kirchbarkau und den Umlandgemeinden heraus gemeinsam gebildet worden sei – eine echte interkommunale Kooperation. Das weist in die Zukunft.“ In der laufenden Förderperiode werde man weiter „MarktTreffs als Häuser der Nahversorgung“ anschieben. Interessierten Gemeinden riet er zu einer frühzeitigen und intensiven Abstimmung mit den AktivRegionen und Landesämtern – „so ist man bestens vorbereitet für den Wettbewerb um Fördermittel“. (Informationen unter: www.schleswig-holstein.de/DE/Fachinhalte/L/laendlicheraeume/leitprojekteILE.html)