Großes Interesse an Dorfläden in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen

Fachtagung zur Grundversorgung im ländlichen Raum

Rahden-Preußisch Ströhen DN 12.12.2005 – 100 Bürgermeister, Ortsvorsteher, Wirtschaftsförderer, Vertreter von Ministerien, Beamte aus der Agrarstrukturverwaltung und Fachplaner nahmen jetzt im nordrhein-westfälischen Rahden-Preußisch Ströhen an einer Veranstaltung zur Grundversorgung im ländlichen Raum teil. Erstmals trafen sich Akteure der MarktTreffs, Dorfläden und DORV-Initiativen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und stellten ihre Projekte in Fachvorträgen und in einer Podiumsdiskussion vor.


Christina Pfeiffer vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Schleswig-Holstein stellte in ihrem Fachvortrag die MarktTreff-Konzeption vor. Im nördlichsten Bundesland gebe es inzwischen 19 MarktTreffs, die wichtige Einrichtungen für die Grundversorgung im ländlichen Raum darstellten. 50 MarktTreffs seien geplant. Der Name ist gleichzeitig Programm, denn die MarktTreffs sind LebensmittelMARKT und DorfTREFFpunkt zugleich. Die MarktTreffs wurden in vier verschiedenen Größen (S, M, L, XL) konzipiert, um bedarfsgerecht Dörfer zwischen 700 und 1900 Einwohnern zu versorgen. Das Spektrum reicht dabei vom kiosk-ähnlichen Kleinladen bis zum 300 Quadratmeter großen Lebensmittelhandel, der um zahlreiche Dienstleistungen ergänzt wird. Über den 19. MarktTreff in Gülzow im Kreis Herzogtum Lauenburg berichtete Carl Rudolf Miele vom Bürgernetz-Verein Gülzow. In Gülzow setzen die Gemeinde und das Lebenshilfewerk als gemeinsame Betreiber des jüngsten Dorfmittelpunktes in Schleswig-Holstein ein Zeichen für die Zukunft. Auf einem früheren Bauernhof sind MarktTreff, Dorfgemeinschaftshaus und Feuerwehrhaus entstanden. Längst übernehmen einige MarktTreffs auch die Funktion der früheren Gasthäuser und sind wichtige Einrichtungen zur örtlichen Kommunikation.

Günter Lühning aus Otersen berichtete als Initiator des Dorfladens Otersen und des Dorfladen-Netzwerkes in Niedersachsen (www.dorfladen.net) über Gründung, Betrieb und Problemlösungen bei einem seit 2001 existierenden Dorfladen "von Bürgern für Bürger". Fast 70 Gesellschafter mit rund 60.000 Euro Eigenkapital betreiben im 500 Einwohner zählenden Otersen (www.otersen.de ) erfolgreich einen Dorfladen mit 150 Quadratmeter Verkaufsfläche und zahlreichen Dienstleistungen und Agenturen (Lotto, Quelle, Otto, Hermes-Paketshop). In Niedersachsen gibt es zehn Dorfläden, die von Bürgergesellschaften betrieben werden. Die drei Bürger-Dorfläden im Landkreis Verden bilden seit 2004 die Keimzelle für das Dorfladen-Netzwerk in Niedersachsen mit Ministerpräsident Christian Wulff als Schirmherrn. Das Netzwerk diene dem Erfahrungsaustausch und der Beratung von Bürgergesellschaften oder Gemeinden, die ebenfalls einen Dorfladen gründen wollen. „Fehler die wir gemacht haben, müssen andere nicht wiederholen und mit teurem Lehrgeld bezahlen“, so Günter Lühning.

Heinz Frey vom DORV-Zentrum in Jülich-Barmen referierte über das DORV-Konzept in Nordrhein-Westfalen. DORV steht für Dienstleistung und Ortsnahe RundumVersorgung (www.dorv.de ). Das Konzept basiert auf den drei Säulen Grundversorgung, Dienstleistung und soziales Leistungsangebot. „Auf der einen Seiten können Sie das Kotelett kaufen – auf der anderen Seite die Umschreibung ihres Führerscheins beantragen“, betonte Heinz Frey. Im DORV sind Dienstleistungen der Sparkasse, von Versicherungen und von Behörden integriert worden. 2002 hatten sich drei Barmener Akteure mit Heinz Frey bei den niedersächsischen Dorfläden in Otersen und Wulmstorf informiert und die Idee der Bürgergesellschaft als Betreiberin übernommen. Inzwischen ist das 2004 eröffnete DORV in Barmen im Landkreis Düren Modellprojekt in Nordrhein-Westfalen und wurde im Oktober dieses Jahres mit dem Robert Jungk-Preis 2005 ausgezeichnet. Die DORV-Zentrum GmbH aus Barmen war eines von 220 Projekten aus NRW, das sich um den Preis beworben hatte.

Nach insgesamt vier Fachvorträgen folgte in den Nachmittagsstunden eine Podiumsdiskussion mit den vier Referenten Christina Pfeiffer, Carl Rudolf Miele, Günter Lühning und Heinz Frey. Auf dem Podium nahmen neben Moderator Dr. Michael Schaloske (ZeLE Zentrum für ländliche Entwicklung NRW) und den vier Referenten auch Heinrich Bräutigam von der Bezirksregierung Münster, Hermann Seeker als Ortsvorsteher von Preußisch Ströhen und Andreas Laubig, Pressesprecher der Edeka Minden-Hannover Platz. Heinrich Bräutigam betonte, dass nun auch in Nordrhein-Westfalen Dorfläden förderfähig seien und stellte einen großen Bedarf im ländlichen Raum heraus. Andreas Laubig von der Edeka beklagte, dass es in Deutschland einen Verkaufsflächen-Überhang von 30 Prozent gebe und erntete den deutlichen Widerspruch von Günter Lühning und Heinz Frey. Zu viele Verkaufsflächen gebe es in großen Orten, in Städten und auf der grünen Wiese, weil sich dort, wo drei bis vier Supermärkte und Discounter ausreichen würden, auch der fünfte, sechste und siebte Markt noch ansiedeln würden. Im ländlichen Raum gebe es aber eindeutig zuwenig Geschäfte für die Grundversorgung, betonte Günter Lühning.

Heinz Frey pflichtete ihm bei und verwies auf die Studie des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (http://www.ioew.de/home/downloaddateien/studie_laendlicher_raum_lang.pdf) im Auftrag des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen aus dem Sommer dieses Jahres. Danach sei erwiesen, dass acht Millionen Menschen in Deutschland, insbesondere im ländlichen Raum, nicht ausreichend versorgt seien. Heinz Frey stellte auch die soziale Bedeutung von DORV-Zentren, Dorfläden und MarktTreffs heraus. Diese Einrichtungen seien von zentraler Bedeutung für die Dörfer. Sie würden es älteren Menschen ermöglichen, in ihrem Dorf alt zu werden und sich vor Ort selbständig versorgen zu können. Dorfläden sind ebenso wie Kindergärten und Schulen ein wichtiges Kriterium für das Verbleiben und den Zuzug von jungen Familien. Sie verhindern, dass Dörfer zu Schlafdörfern werden und letztlich überaltern.

Nach den Erfolgsfaktoren eines Dorfladens gefragt, unterstrich Günter Lühning die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements, der Selbsthilfe und der ehrenamtlichen Unterstützung. Weitere Erfolgsfaktoren seien ein engagiertes Team, das seine Tätigkeit an den Bedürfnissen der Kunden ausrichte. Wichtig für den Erfolg seien aber auch örtliche „Motoren“ und Einwohner, die den Geschäftsbetrieb kaufmännisch führen und ein Controlling durchführten, um in einer schwierigen Branche in der Erfolgsspur zu bleiben.